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Der Fall der schwarzen Falken RSS feed
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Früchtchen


Joined: Jan 30, 2024
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Ich erinnere mich nicht an das Horn.
Es muss geblasen werden, wenn Feindesblut vor diesen Mauern steht. Doch ich hörte es nicht. Nur das dumpfe Dröhnen, wie ferne Donnerschläge – und dann das Knirschen. Das Knirschen von Eis, das durch Stein kriecht.

Wir glaubten, wir wären bereit.
Die Schwarzfalkenlegion, die besten Frauen und Männer des Reichs, stand auf den Mauern. Banner wehten, Rüstungen glänzten. Ich selbst trug ein Waffenrock und ein Kettenhemd – jenes schwarze Stahlwerk, das mir mein Vater vor vielen jahren mit den Worten überreichte: „So hart soll dein Wille sein.“

Aber der Wille der Toten ist härter.

Sie kamen in der Dämmerung. Nicht als Sturm, nicht als Geheul. Sie kamen wie Kälte, die sich in die Knochen frisst, wie Schnee, der lastet, bis Balken brechen. Die ersten, die wir sahen, waren jene vermaledeiten Wandler – Skelette, doch überzogen von Eis, jeder Schritt ein Splittern, als würde das Land selbst unter ihrem Marsch zerbrechen.
Die Mauern hielten – bis sie zu atmen begannen. Ich schwöre bei Avia: Der Stein fror von innen. Risse zogen sich unter unseren Füßen, feine Linien zuerst, doch sie wuchsen. Sie wuchsen, wie die Angst in den Herzen der Männer.
Kendor von Antares stand auf dem Wehrgang, unbeweglich wie ein Denkmal. Er befahl das Feuer, und das Feuer gehorchte. Pech, Fackeln, Ölbündel – der Kälte trotzend, färbte das Feuer unsere Mauern rotl. Doch was brennt, wenn der Feind kein Fleisch hat? Was schreit, wenn der Tod längst gesprochen hat?

Die Geister kamen als nächstes.
Nicht wie in alten Märchen. Keine durchsichtigen Schemen, keine trauernden Seelen. Sie waren Rauch und Frost zugleich, wirbelnde Schatten mit Augen wie erstarrtes Wasser. Wo sie glitten, erstarb das Feuer, und Männer sanken in sich zusammen, als hätten sie nie gelebt.

Ich befahl den Rückzug in den Kern der Festung. Doch Befehl ist nur so viel wert wie der Atem, der ihn trägt.
Rogal von Helmbrecht hielt den Ostgang. Ich sah ihn im Gefecht – sein Zweihänder, ein göttlicher Taktstock, spielte das Lied der Erlösung. Seine Paladine sprachen ihre Gebetsworte noch einstimmig. Ihre Stimmen hallten, als wollten sie den Himmel selbst herunterreißen. Doch der Himmel blieb stumm.
Als die Mauer fiel, war es nicht mit Krachen. Kein heroisches Ende. Die Steine zerbröselten, sanft, wie Sand in der Hand.
Dann kam der Moment.

Athros, Kronprinz, Thronerbe, Sohn des Reiches – und doch nichts weiter als ein Mann inmitten der Fäulnis. Ich spürte das Gewicht des Siegelrings, den mein Vater mir aufgedrückt hatte. „Führe. Niemals fliehe.“

Aber ich floh.
Oder besser: Rogal floh für mich.
Er riss mich aus dem Mahlstrom, blutig, zerschrammt, sein Schild ein Leuchtfeuer aus Stahl. Ich wehrte mich, schwor, zu bleiben, doch seine Worte schnitten härter als jedes Schwert: „Dein Tod nützt niemandem. Dein Leben ist der Schwur des Reiches.“
Der Durchbruch gelang – dank ihm. Dank jenen, die blieben.

Der alte Trosschmied war da. Humpelnd, fluchend, mit nichts als einem rostigen Beil und diesem sturen Blick, den nur die kennen, die zu oft für andere das Schwert geschliffen haben. Zwei Reiter mehr – keine Helden, keine Ritter. Doch sie trugen mich durch die Nacht.
Ich weiß nicht, wie lange wir ritten. Die Stadt des Glanzes erschien wie eine Illusion – golden, fern, doch lebendig. Lebendig.
Rogal fiel im Hof der Festung. Ich hörte sein letztes Gebet nicht. Aber ich trage es mit mir.
Die Festung der Schwarzfalken ist verloren.
Aber ich lebe.
Und solange ich atme, ist das Reich nicht gefallen.
Moritar Damark

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Joined: May 21, 2015
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Das Feuer knackte und warf flackernde Schatten der Anwesenden auf die Stadtmauer. Die Luft roch nach Pferdeschweiß, kalter Erde und dem Rauch des Feuers. Kein weißer Nebel mehr... Kein kalter Dunst, nur Nacht.
Moritar saß draußen vor der Stadt des Glanzes auf einem Baumstamm vor dem Wasser.
Neben ihm lag das stumpfe Beil, das er in der Eile in der Festung ergriffen hatte, und der rissige Schild, den Rogal van Helmbrecht, der Paladin, ihm in den Werkhallen zuwarf mit den Worten: „Schmied, du bist mit uns.“
Keine Frage. Kein Befehl. Eine Feststellung.

„Da hätte er mir auch ein Blatt Papier geben können, der Hund“, murmelte er knurrend mit Blick auf den Schild.
Rogal war derjenige, der ihn aus dem Südtor der Festung schubste mit den Worten: „Ein Reich braucht Opfer, alter Mann“, hatte er gesagt. „Heute bist du keins davon.“
Danach drehte sich Rogal lachend um und ging dem Kampf und gleichzeitig seinem Ende entgegen, damit sie fliehen konnten.

„Dieser Haudegen ging doch im Ernst lachend dem Tode entgegen“, ganz kurz musste er schmunzeln, bevor sich seine Miene wieder verhärtete.

Sein Kampf zuvor hingegen war das nackte Überleben gewesen, keine Kunst oder Finesse, aber sein Schlag hatte die Wucht von den tausenden Hammerschlägen zuvor, die das Metall formten.
Er strich mit den Fingern über den rissigen Schild, das den Schlag eines eisigen Toten abhielt, und das rostige Beil, welches dessen Knochen zermalmte.

Dann starrte er auf das Fragment eines Helms in seiner anderen Hand, mit Verzierungen und einer Gravur, das er ständig drehte.
Er wusste, welchem Krieger dieses Fragment einst als Helm zum Schutz diente, so oft hatte er die Teile der Rüstung oder des Schilds ausgebessert und die Verzierungen wieder nachgebildet.
Einer der Männer, mit denen er noch am Abend zuvor getrunken hatte. Noch immer versuchte er zu verstehen, was er gesehen hatte und was da geschehen war.

Einer der Reiter, ein Jüngling, der mit ihm entkommen war, hatte sich zu ihm gesetzt, nachdem sie den Prinzen abgeliefert hatten. Er reichte Moritar einen Krug Wein mit zittrigen Händen und sagte:
„Ihr wart der Letzte, der den Hof durchquert hat. Ich dachte, ihr fallt noch, mit eurem hinkenden Bein, dem rostigen Beil und dem rissigen Schild.“

Moritar nahm den Krug mit einem dankenden Nicken. Trank einen Schluck. Dann sagte er:
„Und doch kam ich davon, Rogal sei Dank.“
Dann hob er den Becher im Gedenken an den Paladin, und der Reiter tat es ihm gleich.

Dann sah er zum Reiter auf und fragte: „Ist der Prinz wohlauf? Und wie viele Männer haben es geschafft zu entkommen?“
Jener zuckte nur mit den Schultern, da er selbst nicht zurückblickte auf der Flucht von der Festung und keine Ahnung hatte, wer wo oder was entkommen war.

Der Reiter fragte zögerlich: „Ihr wart bei den Werkhallen, als es begann, oder?“
Der Schmied nickte nur.
„Ich hab’s gerochen, noch bevor ich’s gesehen hab“, sagte er dann. „Nicht Feuer. Nicht Blut. Das war... das war wie ein Hauch, der nichts hinterlässt. Nur das Wissen, dass etwas falsch ist.
Und dann war es da... Weiß, das sich über die Mauern legte, nein, es kroch durch den Stein... ich kann es nicht erklären. Kein Schnee. Etwas anderes. Etwas Kaltes, das mehr war als Winter.“
Der Reiter schwieg. Was sollte man darauf schon sagen? Und Moritar erzählte weiter:
„Der Amboss vibrierte. Kein Schlag, kein Hammer. Nur... Zittern. Und das Werkzeug an der Wand, das Metall in den Truhen – es hat mit ihm gezittert. Metall zittert nicht. Es kennt keine Angst. Aber da in diesem Moment... hatte es welche. Ach, ich kann es nicht erklären“, beendete er den Satz und schüttelte ungläubig den Kopf.

Er sah ins Feuer. Die Glut spiegelte sich in seinem blinden Auge wie ein Geist, der nicht gehen wollte.
„Ich habe Männer gesehen, die ich kannte. Ihre Schwerter geschliffen. Ihre Helme ausgebessert. Geschichten gehört, Wunden verbunden. Und dann... sind sie gefallen. Am Anfang nicht im Kampf. Sie sind einfach... gefallen.
Als hätte man ihnen das Leben Faden für Faden gezogen. Und dann kamen die eisigen Toten und haben sich den Rest geholt.“

„Die Feste ist gefallen, was bleibt uns jetzt noch?“ sprach der junge Reiter ratlos.
„Die Feste ist gefallen, das mag sein, aber das Reich und seine Bürger noch nicht. Wir müssen alle zusammen an einem Strang ziehen, wenn es so weit ist. Bald werden wir uns auf den Kampf oder gar einen Krieg vorbereiten müssen. Du bist noch jung, vergnüg dich solange mit Wein und Weibern, bis wir neue Befehle erhalten. Wer weiß, wie lange du noch Gelegenheit dazu hast“, sagte Moritar und leerte seinen Krug.
Er blickte auf Schild und Beil hinab. „Und euch hauche ich neues Leben ein, auf dass ihr mir weiter gute Dienste leistet“, murmelte er so leise, dass das Knacken des Feuers die Worte verschluckte.
Rao


Joined: Mar 22, 2015
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Die Festung lag in der Kälte der Nacht. Es war ruhig in der Wollgrasebene, als sich zwei Reiter dort näherten. Noch war kein Beobachtungstrupp stationiert, sie waren rechtzeitig.
Mit dunkler Robe die eine Gestalt. Mit dunkler Rüstung die andere.

Die Aufgabe hatte ihre Tücken. Seine Helferin war dann nach einer Weile aber doch erfolgreich. Sie konnten ein Gespenst durch ein Portal in den vorbereiteten Kerker locken und dort verwahren.
Als Rao letztendlich vor jene Kerkergitter trat begann eine Zeit der Analyse. An diesem stillen Ort, an dem weder Temperatur noch sonstige Vorgänge die Forschung beeinträchtigen sollten, begann er seine Arbeit. Ein erster Eintrag in ein Forschungstagebuch wurde erstellt.


Gespenster gehören insgesamt eher zu den mächtigeren Untoten.
Anders als die typische Geisterscheinung, ist das Gespenst hier kein körperloses Wesen, sondern hat durchaus einen funktionierenden Anteil an untoter (oder besser toter) Masse. Die typische Funktionsweise des ehemaligen Körpers ist jedoch eingeschränkter als es bei den meisten anderen körperlichen Untoten der Fall ist.
Das vorliegende Gespenst hat gefrorene Körperanteile. Es liegt eine gewisse Starrheit vor. Der Antrieb durch negative Essenz sorgt für etwaige funktionstüchtige Arme und vermutlich auch für funktionstüchtige Wahrnehmung. Peripher wird, aufgrund der fehlenden Beine, eine Art der Levitation aufrecht erhalten, die jedoch nicht für eine Flugfähigkeit sorgt, sondern lediglich als eine Art Beinersatz fungiert. Wie üblich bei Untoten dieser Art, kann hier von einer gewissen Menge an Ektoplasma ausgegangen werden, um den Effekt der Überbrückung zur negativen Essenz zu bewerkstelligen.
Unklar ist, wie unter Umständen der Vereisung die Funktionalitäten tatsächlich gewährleistet werden. Der Konservierungseffekt ist unbestritten, doch eigentlich scheint es als er unpraktikabel im Hinblick auf tatsächliche motorische Gegebenheiten.

Verworfene Ansätze
Bindungsanalyse - weder ist es im Moment ratsam eine Ortsbindung dieses Wesens zu untersuchen, noch eine persönliche.
Die Ortsbindung dürfte durch die Siegel des Silberreifens unterbrochen werden.
Hingegen ist eine Personenbindung nur mittels eines Geistwesens analysierbar. Man darf davon ausgehen, dass eine Person, die Kontrolle auf dieses Gespenst ausübt, mehr als gewachsen gegen eine solche Art der Ausspähung sein würde und ein Verlust eben jenes Geistwesens durch Bannung wäre unerwünscht aufgrund dessen Werts.

Angestrebte Ansätze
Zerstörung - eine Analyse der Schwachstellen wäre wünschenswert. Verrottung durch übliche Methoden scheint durch die Vereisung kein gangbarer Ansatz. In Betracht gezogen wird Feuer, elektrische Ladung und Essenzentzug.
Wiederherstellung - ein eher schwieriger Ansatz. Hinzufügung und Bindung weiterer negativer Essenz könnte bei genug Aufwand zur Wiederherstellung eines Bewusstseins beitragen. Doch erscheint der Zugriff auf ein Gedächtnis vielleicht riskant und auch nur zu einer geringen Wahrscheinlichkeit erfolgversprechend. Weiterhin ist der Aufwand sehr hoch und die allgemeine Erfolgswahrscheinlichkeit einer Wiederherstellung ist absolut abhängig vom verwendeten Ritual und der Anzahl potentieller Helfer. Möglicherweise müsste sogar ein Pakt in Betracht gezogen werden.
Randnotiz: Eine Analyse der Schwachstellen könnte die Problematik für eine Wiederherstellung naturgemäß verschärfen, die beiden Ansätze sind diametral.


Hier endete der erste Eintrag. Es gab bereits erste Dinge zu bereden.
Johann Blum


Joined: Dec 20, 2014
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An diesem Tag im Giblean, an dem die Tagundnachtgleiche ungefähr bereits einen Mondlauf zurück lag, begab es sich, dass die Mitglieder des Rates sich am Palast einfanden. Es sollte ein denkwürdiger Tag werden.
Die Mitglieder an diesem Tag waren:
Hortas von Okram, ein alter Mann mit grauen Haaren und kurzgeschnittenem Bart. Er war ein Richter, ein Mann Avias, der sich der Gerechtigkeit verschrieben hatte und als recht undurchschaubarer, aber frommer Mann galt.
Meron von Antares, dessen Tochter einst Johanns Verlobte sein sollte, war hingegen ein gerissener und verschlagener Taktiker. Manche munkelten, er hätte ein Ausbildung an der Akademie der Magier hinter sich gebracht. Das Haus Antares hatte viel Einfluss, besaß ein großes Vermögen und über eine größere Gefolgschaft an Rittern und Söldnern, die Besitztümer und Mitglieder des Hauses gleichsam schützten und - so wird hinter vorgehaltener Hand behauptet - auch im Zaum hielten. Meron galt unverhohlen als einer der mächtigsten Männer im Reich.
Dann war da Geron von Tess. Ein alter Krieger, der aus Stolz gern seine Mytherilrüstung trug. Geron war kein richtiger Soldat und auch nie im Heer tätig. Er war auf dem Papier der Eigentümer der Arena der Kaiserstadt und richtete zuweilen Gladiatorenkämpfe und Turniere aus. Er war ein Waffenmeister und durchaus bekannt als erfolgreicher Abenteurer, auch wenn er in der heutigen Zeit eher gut gepflegt aussah und seine Narben von jungen Jahren stammen mussten.
Letztendlich war der letzte Vertreter des Hochadels ein Mann namens Krius von Dengra. Er war unscheinbar, er drückte sich gewählt aus und galt im Adel als eher schwache Erscheinung. Er übte Zurückhaltung, sein Interesse war vielen nicht klar und sein Name war im Gegensatz zu dem seines Vaters Urias von Dengra mit weniger Gewicht belegt.
Des Weiteren war da noch Eminenz Arane Sonnenglanz, höchste Priesterin Avias. Sie vertrat die Stimme der Kirche und Avias im Rat. Ihre tatsächliche Rolle innerhalb der Politik war stets eher als zurückhaltend zu betrachten. Sie stellte vermutlich durchaus eine Stimme im Sinne der Tugenden Avias dar. Doch war vielen nicht bekannt, wie sehr doch die Kirche zuweilen in der Politik ihren Einfluss geltend machen wollten.
Zuletzt war da noch Administrator Akaron Gwellsing von der Insel der Exilmagier. Ein Mann, der stets in dunkle Seide gehüllt war. Seine Haare waren schwarz, lang und zusammengebunden. Er hatte gewiss ein ziemliches Alter erreicht und das zeigte sich in wenigen grauen Strähnen. Er hatte den Ruf sich weniger in die Politik einzumischen oder sich zu kümmern, doch er galt als brilliant, aber auch als unempathisch und desinteressiert.

In diese illustre Runde kam nun ein Ritter, vom Stand her niedriger als die restlichen Anwesenden. Und doch hatte er das Recht sich hier zu zeigen erworben. Er war zudem immerhin der Statthalter von Dengra, einer nicht mehr zu verachtenden Macht und aufgeblühten Provinzstadt des Reichs. Wie bereits im Vorfeld durch Arane Sonnenglanz angekündigt, war es der heutige Tag, an dem dieser Mann das Wort ergreifen sollte. Es sollte der Tag werden, an dem sich das Reich verändern könnte. Der Kaiser selbst lag krank und alt im Bett. Der Prinz? Einst verwundet in der Festung der schwarzen Falken war er noch immer in der Obhut der besten Heiler unter den Priestern Avias. Johann von Blum, der Ritter vom schwarzen Arm, Statthalter Dengras, stand nun also vor einem Rat, von dem er hörte, dass er kopflos und beschlussunfähig geworden war. Gefangen im ständigen Widerstreit.

Und als dann die Zeit kam, in der er seine Stimme erheben sollte, da er das Zeichen von Arane Sonnenglanz sah, stand er auf und blickte zunächst lange in die Runde. Er maß die Anwesenden mit einem Blick.
Johann selbst trug einen hellen, militärisch anmutenden Mantel aus festem Stoff, in den eindeutig Silber gewebt worden war - das Zeichen der Silbermäntel, der Meister der Kampfkunst. Auch er selbst war mittlerweile ins Alter gekommen, doch seine Statur zeugte von jemandem, der nie aufgehört hatte seinen Körper zu ertüchtigen. Er war groß als wäre er von nordländischer Abstammung, er strahlte Stärke aus - aber auch Erfahrung. Und so begann er zu reden. Oder vielmehr: Zu lesen. Er hatte jemanden, der diese Rede für ihn geschrieben hatte.

"Hochedle des Rates, Eminenz Sonnenglanz, Administrator Gwellsing

das Reich ist nicht gefallen, doch es wankt.
Der Kaiser liegt stumm, der Prinz ist fern, und ihr – ihr ringt um Worte, während Feinde rüsten.

Ein Reich lebt nicht von Worten allein. Ein Reich lebt von Taten.

Ihr kennt mich: Johann von Blum, Ritter, Statthalter Dengras.
Ich habe in den Sümpfen gekämpft, in den Wüsten für Leon gedient, im Norden Schüler ausgebildet, die heute regieren.
Ich habe Drachen gejagt – nicht allein, sondern mit Gefährten, die ich geführt und wieder heimgebracht habe.
Und ich habe die Völker kennengelernt, ihre Sprache, ihre Sitten, ihre Mächte und Verhältnisse.
Ich kenne den kaiserlichen Hof, den Palast und die Familie.
Wer, wenn nicht ich, sollte in dieser Stunde eine Klinge erheben?

Verschont mich mit Titeln oder Siegeln. Ich will auch keine Herrschaft.
Ernennt mich zur Klinge des Kaisers.
Ich bin bereits Leibwache seiner Tochter.
Setzt mich ein, solange ihr im Rat uneins seid.
Gebt mir Sitz und Stimme, doch bindet mich nicht hier fest.
Lasst mich dort sein, wo Blut fließt und Feuer brennt – nicht nur, wo Stimmen erhoben werden.
Ich beanspruche, der Stimme des Kaisers gleich zu sein, wenn es um Schutz und Sicherheit in diesen Tagen geht.
Dieser Anspruch soll jederzeit durch Ratsstimme wieder entzogen werden können.

Mitglieder des Rates – es geht nicht um mich.
Es geht nicht um euch.
Es geht um das Reich, und es geht um eure Zukunft, denn irgendwann wird jeder daran gemessen werden, was hier und jetzt geschieht.

Das Reich braucht jetzt keinen Ersatz für einen Thron.
Es braucht eine Klinge.
Lasst mich diese Klinge sein."


Seine Stimme war nicht die eines geübten Redners und auch nicht die eines geübten Lesers.
Und doch hatte dieser Mann, dieser Ritter, die Worte auf seinem Spickzettel sehr gut einstudiert und er sprach sie flüssig.
Seine Stimme schien mehr Gewicht zu tragen, als es einem Mann allein zukommen sollte. Für einen Herzschlag lang war es, als ob die Halle selbst den Atem anhielt.
Und als er verstummt war, da blieb er stehen. Er sah unbestimmt über die Köpfe aller hinweg in die Ferne, so als würde er nun ein Urteil erwarten.
Seine Gegenüber, die ehrenwerten Ratsmitglieder, waren zwar zunächst still, doch hörte man das Geraschel von Stoff und Kleidung, dieser edlen Seide, die von den meisten getragen wurde. Irgendjemand raunte etwas seinem Nachbarn zu und ein leises Räuspern war zu hören.
Sir Said

Staff Elantharil

Joined: Dec 14, 2014
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Die Luft war geladen. Es schwelte etwas in der Stille, die keine echte Stille, sondern mehr das Abhandensein von Stimme - von Gesprochenem - war.
An den Gesichtern der einzelnen Ratsmitglieder waren bereits erste Emotionen oder Gedanken ablesbar.

Es gab eine unausgesprochene Ordnung, wer nun zu antworten hatte, die im Grunde gleichzeitig die Sitzordnung war.

Meron von Antares lehnte sich zurück, die Finger ineinander verschränkt. Seine Augen blitzten scharf.
„Eine hübsche Rede, Edler von Blum. Sauber vorgelesen. Aber nichts anderes als ein Versuch, euch Macht zu sichern, die euch nicht gebührt. Ihr wart mein Lehnsmann, ein Werkzeug, ein Krieger – nicht mehr. Jetzt wollt ihr euch Klinge des Kaisers nennen und den Rat gleichsam übergehen können, wenn er sich nicht nach eurem Willen beugt? Wie sollen wir sicher sein, dass ihr euch nicht zum Tyrannen erhebt?“
Seine Worte hallten schwer durch den Raum. Ein Raunen war von einigen Bediensteten zu hören, die am Rand standen. Merons Blick wandte sich von Johann ab, denn er begann nun die anderen Ratsmitglieder prüfend und nach einer Reaktion Ausschau haltend anzusehen.

Geron von Tess zog unterdessen seinen verzierten Waffenrock enger um die Schultern. Er zeigte 2 schwarze Schwerter unter einer gelben Sonne auf orangefarbenem Hintergrund. Geron runzelte die Stirn, doch seine Stimme war gemessen:
„Man mag dir Taten zugestehen, Ritter. Aber wir kennen dich nicht. Du bist ein Name in Dengra, doch für den Rat bist du ein Fremder. Warum sollten wir dir solches Vertrauen geben? Was unterscheidet dich von jedem ehrgeizigen Emporkömmling?“
Er sprach nicht feindselig, eher wie ein Mann, der wissen wollte, wer ihm da gegenüberstand. Seine Art war seit jeher tendenziell informell bis ruppig und das zeigte er nun.

Da meldete sich Akaron Gwellsing zu Wort. Seine Stimme war kühl, gleichsam sezierend.
„Eine Klinge allein ist ein Werkzeug. Doch ein Werkzeug ohne Hand wird stumpf. Ich höre in euren Worten viel Kraft, Edler von Blum – doch was ich vermisse, ist Verstand. Wer oder was soll euch lenken? Wollt ihr als Klinge des Kaisers handeln, so nehmt euch Berater und Kundige – aus den Resten des Heers, von den Häusern, aus der Kirche, aus der Magie. Sonst werdet ihr nicht mehr sein als ein Dolch im Dunkel, und davon haben wir im Reich schon genug.“
Akarons Stimme hatte einen durchaus herablassenden, belehrenden Tonfall. Doch seine Worte machten klar, was rational betrachtet für ihn wichtig zu sein schien, um die Sache nicht nur zum Erfolg zu führen, sondern ihr auch eine gewisse Stabilität verleihen zu können.

Arane Sonnenglanz
beugte sich nach vorn, die Hände auf den schweren Holztisch vor ihr gelegt. Ihre Stimme war sanft, aber natürlich war sie erfahren, charismatisch und wusste Worte sehr gut zu nutzen.
„Meron, eure Worte sind zu hart. Dieser Mann hat der Kirche Beweise geliefert, wo andere nur Gerüchte brachten. Er hat im Verborgenen gegen den roten Konvent gearbeitet und Beweise für seinen Erfolg geliefert. Was er verlangt ist zudem nur das, was er auch für die Auflösung der Lage benötigt: Handlungsfähigkeit. Wenn wir weiter zaudern, verlieren wir das Reich am Ende an jene, die längst in unseren Schatten wühlen.“

Hortas von Okram nickte zustimmend. Seine weißen buschigen Augenbrauen und der weiße Bart umrahmten ein altes Gesicht und harte Augen blickten zu Johann. Seine Stimme war schwer und tief.
„Eine Klinge ist besser als ein leeres Schwertgehänge. Ich sehe keinen Grund, warum wir ihm die Hand nicht reichen sollten. Das Haus von Okram stimmt zusammen mit der Kirche.“

Krius von Dengra musste lange warten. Er lächelte schief. Eine Geste, die niemand von ihm erwartet hatte, denn dass er überhaupt lächelte musste eine Seltenheit sein. Insgeheim war er aber oft eine Art Quertreiber, der gegen eine gewisse Ordnung und Borniertheit des Rats arbeitete, wann immer es nur ging. In diesem Fall sprach er mit einiger Genugtuung:
„Das Haus von Dengra steht hinter Johann von Blum. Er hat mein Vertrauen. Möge er diesen Rat von dessen Verantwortungslosigkeit der letzten Monate befreien.“

Nach diesen Worten senkte sich erneut Stille. Meron schnaubte, Geron rieb sich über den Bart, Akaron blickte zu Krius von Dengra und schloss dann für einen Moment die Augen. Die Luft war geladen, als wartete der Saal selbst auf den nächsten Schlagabtausch.

Schließlich erhob sich ein Schreiber, ein unscheinbarer Mann im grauen Gewand.
„Höchstverehrteste Ratsmitglieder - diese Vorgänge sind ein absolutes Novum in der neueren Geschichte des Kaiserreichs. Untertänigst und mit der euren Erlaubnis würde ich nun in aller Bescheidenheit eine Abstimmung vorbereiten, während der edle Johann von Blum noch ein letztes Wort an die Teilnehmer richten kann. Wäre dies in allseitigem Interesse?“

„Gut, dann soll er nochmal reden“, sprach Geron, der sich keiner Gegenworte, sondern aufkeimender Unruhe gegenüber sah. Anwesende hatten bereits zu tuscheln begonnen. Er nahm wahr, wie sich Meron in sein Gesichtsfeld schob und Aufmerksamkeit an sich reißen wollte. Aber er sah auch, wie sich neben ihm Akaraon Gwellsing von ihm abwandte und Arane zu...

Johann Blum


Joined: Dec 20, 2014
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Da erhob sich Johann von Blum zum zweiten Male. Er hatte diesmal keinen Zettel in der Hand, und wer ihn ansah, der mochte bemerken, dass seine Worte nicht so glatt geformt sein würden wie zuvor. Doch achtete er auf seine Haltung, auf gerade Schultern, auf eine Stimme, die kräftig und nicht von Unsicherheit zeugen sollte. Er durchbrach die aufkeimende Unruhe mit einer gewissen anfänglichen Lautstärke.

„Hochedler Meron von Antares,“ sprach er sodann, „die Dinge haben sich geändert. Ja, ich war Euer Lehnsmann, und ich habe Euren Befehlen gehorcht, solange ich Euch verpflichtet war. Aber ich habe auch Dinge getan, die kein Befehl von Euch mir je abverlangt hätte. Ich habe gekämpft, ich habe mein Leben riskiert - nicht für euch, mein edler Herr, oder Adelstitel, nichtmal für das Reich - sondern aus purer Überzeugung. Ihr wolltet mich sogar im Hochadel und ich war nicht für soetwas bereit, wenn ihr euch erinnert. Wenn Ihr mir nun eine angestrebte Tyrannei vorwerft, dann fragt Euch: wo habe ich je nach dieser Macht gestrebt? Ich will nur handeln, wenn andere zaudern. Wenn Euch das schon wie Tyrannei vorkommt, dann ist das eine, für die ich eben einstehe.“

Er wandte sich nun in Richtung Akaron Gwellsings und neigte das Haupt leicht. Ein Zeichen des Respekts, so wie man es eher aus dem Süden kannte, nicht jedoch ein Zeichen der Unterwürfigkeit.
„Was ihr sagt, Administrator Gwellsing, ist berechtigt und wahr. Ich will gar nicht widersprechen. Ich bin kein Gelehrter, vielleicht auch nur ein Anfänger als Stratege. Ich bilde mir auch nicht ein alles zu wissen. Was Ihr verlangt sollte auch genau so getan werden. Ich werde mir Berater nehmen - ich werde mir welche suchen. Wenn ich die Klinge des Kaisers sein soll, dann natürlich mit allem nötigen Hintergrundwissen und den Kenntnissen, um sowohl im Reich politisch, als auch bei der Aufgabe bestmöglich bestehen zu können. Ich kann zuhören.“

Daraufhin blickte er zu Geron von Tess, dessen Miene ihn forschend musterte.
„Ihr sagt, Ihr kennt mich nicht - und Ihr habt recht. Doch Ihr kennt die Art von Mann, die ich bin. Ich schreibe sehr ungern Briefe, halte sehr ungern Reden, ich bin keiner, der andere für sich Dinge erledigen lässt. Ich gehe selbst, ich kämpfe selbst, und ich stehe selbst gerade. Das bin ich, hochedler Geron von Tess. Was Ihr seht, das ist, was Ihr bekommt. Wenn Ihr wissen wollt, ob Ihr mir trauen könnt, dann werden euch höchstens meine Taten einen Hinweis liefern können. Mir Worten werde ich das nicht schaffen.“
Und bei diesem Satz, da wanderte der Blick von Johann von Blum für einen Moment zu Arane, doch nur um abschließend nochmal zu Geron zurückzusehen und zu nicken.

Nach einem Moment wandte er sich schließlich wieder an die komplette Runde, insbesondere an die restlichen drei, die er noch nicht angesprochen hatte.
„Euch, die mir eure Stimme schon zugesagt habt, danke ich. Nicht für mich, sondern weil ihr damit gezeigt habt, dass der Rat mehr kann als Stolz und Stillstand. Ich bin kein Redner. Es ist alles gesagt. Und ich bleibe dabei: Das Reich braucht jetzt keine Krone, es braucht eine Klinge. Wenn ihr mich wollt, dann bin ich diese Klinge.“
Und damit stützte er sich auf das Pult jeder konnte sehen und erkennen, wie Johanns Miene sich nun veränderte. Sein Blick hob sich von den Anwesenden und als ob der Raum viel größer war, blickte er nun in eine Weite.
„Wollt ihr mich nicht, dann kämpfe ich dennoch - aber nicht in eurem Namen.“

Nachdem er gesprochen hatte, schwieg er und setzte sich wieder.
Sir Said

Staff Elantharil

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Alles war still, doch unter der Stille vibrierte Spannung, als würde jeder Atemzug aufgeladen mit unausgesprochenem Urteil.
Geron von Tess lehnte sich leicht zurück, die Hände schoben sich vor seinem Bauch ineinander und er spürte kalte Metall seines Kettenhemds unter dem Waffenrock. Sein Blick wanderte von Gesicht zu Gesicht, prüfend, lauernd, wie man Gegner im Ring abtastet, ehe man das Schwert hebt.

Er hatte Johann beobachtet, als dieser sprach: rau, unbeholfen, doch mit einer seltsamen Aufrichtigkeit. Der Mann war kein geschulter Redner oder Hofmann. Er war ein Kämpfer, der sich in diesen Saal verirrt hatte, so kam es Geron vor. Aber einer, der seine eigenen Schatten mitbrachte.

Als der Schreiber die Abstimmung ankündigte, erhob sich ein leises Murmeln. Die Mitglieder des Rates sprachen kaum, doch jeder wusste, wohin die Waage sich neigen würde.

Arane Sonnenglanz gab ihre Stimme mit der Gelassenheit einer, die schon vorher entschlossen war. Ihre Hände ruhten gefaltet, als spräche sie ein Gebet, doch ihre Worte waren fest:
„Im Namen Avias und der Kirche: Ja.“

Hortas von Okram nickte nur, ehe er tief, beinahe grollend sprach:
„Das Haus Okram stimmt zu.“

Krius von Dengra, dessen Blick kurz zu Johann hinüberglitt, lächelte knapp. „Das Haus Dengra steht. Ja.“

Akaron Gwellsing war der letzte, der sprach, ehe die Stille sich wieder senkte. Er stand auf, glatt wie eine dunkle Feder, und seine Worte schnitten die Luft wie ein Messer.
„Ich stimme zu - unter der Bedingung, dass die Klinge des Kaisers nicht blind schlägt. Ihr werdet beraten, Herr von Blum. Von Kundigen aus den Häusern, Heer, Kirche oder Magie. Eure Hand bleibt geführt, solange sie im Sinne des Reiches schlägt.“
Er verneigte sich kaum merklich und setzte sich wieder, ohne jemanden anzusehen.

Dann war da Meron.
Geron wusste schon vorher, was kommen würde, und doch, als Meron sich erhob, spürte er das gleiche Unbehagen, das man fühlt, wenn ein Sturm zu lange am Horizont gestanden hat und nun endlich losbricht. Und die Stadt war mit ihrer dem Meer zugewandten Ostseite jährlich von solchen Stürmen aufgesucht worden.

„Das Haus Antares lehnt ab,“ sagte Meron. Er schmückte weder etwas aus, noch kommentierte er weiter. Es waren nur diese vier Worte - und doch klangen sie wie eine Drohung. Wie es sich für Meron von Antares auch gehörte.

Geron von Tess blieb still. Sein Herz schlug ruhig, doch sein Geist arbeitete.
Vier Stimmen für Johann, eine dagegen, eine Enthaltung - seine.
Er hatte sich entschieden. Er war nicht feige. Es war aus Vernunft.

Was, fragte er sich, wenn Meron recht hatte? Wenn Johann wirklich mehr wollte als nur handeln?
Aber ebenso: Was, wenn er unrecht hatte und der Rat gerade den einzigen Mann, der handeln konnte, zu Fall bringen würde, nur weil alte Häuser zu stolz waren, ihre Knie zu beugen?

Er hatte sich enthalten, um sich eine Tür offen zu halten, für ihn war das eher unüblich. Doch während er Meron beobachtete, der mit unbewegter Miene und gefalteten Händen dastand, überkam ihn ein leises Frösteln.

Meron hatte ihm während der Abstimmung, kaum hörbar, zugeflüstert:
„Ein Bastard des Hauses Antares - das steht in den Archiven der Kirche, Geron. Vielleicht hast du eben einem Blutsverwandten von mir die Klinge gegeben, die dich eines Tages trifft.“

Geron hatte darauf nichts erwidert. Nur ein kaum sichtbares Zucken war über sein Gesicht gehuscht.

Ein Bastard also.
Er wußte nicht, ob er Meron glaubte, doch er wußte, daß der Gedanke gefährlich war. Wenn es stimmte, dann lag für Meron in Johann keine Bedrohung, sondern ein Werkzeug. Eine Waffe, die man heimholen konnte.

Warum also hatte Meron nicht längst genau das getan?
Geron verstand es nicht – oder wollte es nicht verstehen. Vielleicht war es Stolz. Vielleicht Furcht. Vielleicht beides.

Die Sitzung endete. Johann war nun, durch Mehrheitsbeschluß, die Klinge des Kaisers - gebunden an Rat und Reich, doch mit einer Macht, die niemand im Raum recht fassen konnte.

Als Geron den Saal verließ, blieb er einen Augenblick stehen, lauschte den Schritten hinter sich.
Er sah Meron im Gespräch mit einem Boten, Arane und Hortas beisammen, Akaron bereits im Begriff, den Saal zu verlassen. Nur Johann stand noch dort, einen Moment allein, und sah auf die Wappen über dem Ratstisch.

Geron spürte, wie sich etwas Unruhiges in seiner Brust regte. Es war nicht Misstrauen und auch nicht sonstiger Groll - eher das dumpfe Gefühl, dass sie alle Zeugen eines Schritts gewesen waren, dessen Folgen niemand abschätzen konnte.

Er ging.
Draußen hatte der Wind aufgefrischt, und über der Stadt spannte sich der graue Himmel wie ein gespanntes Banner.
Sir Said

Staff Elantharil

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Geron von Tess nahm seinen Platz ein, wie er es immer tat: ohne Eile, mit einem Blick für den Raum, der wirkte als wäre es mehr eine strategische Angelegenheit anwesend zu sein. Der Ratssaal war derselbe wie stets - Marmor, feines Holz, Banner, das Wappen des Reiches über allem -, und doch lag heute etwas anderes in der Luft. Dieses leises Zischeln vor der Sitzung fehlte, das es sonst gab. Stattdessen eine gespannte Erwartung, wie man sie kannte, denn ein Gerücht hatte seine Runde gemacht.

Er bemerkte es an den Gesichtern.

Hortas von Okram wirkte gesammelt, beinahe gelöst. Arane Sonnenglanz saß aufrecht, die Hände ruhig gefaltet, die Augen wachsam, aber nicht scharf. Selbst Akaron Gwellsing schien weniger abwesend als sonst; sein Blick ruhte nicht auf Pergamenten, sondern auf der Tür, durch die gleich jemand eintreten würde.

Meron von Antares war noch nicht erschienen. Geron registrierte das - und behielt es für sich.

Dann öffnete sich die schwere Tür.

Zuerst trat Krius von Dengra ein, geschniegelt wie immer, mit jener stillen Selbstsicherheit eines Mannes, der wusste, dass er heute etwas vorzuweisen hatte. Das war deshalb so ersichtlich, da Krius von Dengra wirklich sehr selten diese Selbstsicherheit ausstrahlte. Einen Schritt hinter ihm - und das ließ selbst Geron unwillkürlich die Hand an der Lehne fester schließen - kam sie.

Die Kaiserstochter.

Delila.

Oder zumindest: diejenige, die diesen Namen nun wieder trug.

Sie war ohne Schmuck, nicht in jenen zeremoniellen Farben, die man von einer Tochter des Kaisers erwartete. Stattdessen trug sie schlichte, hochwertige Kleidung aus Seide, fest im Schnitt, ohne Prunk. Ihre Haltung war gerade, ihr Schritt sicher, beinahe militärisch. Geron sah sofort: Das war nicht mehr das schwache Mädchen, das er kannte. Das war jemand, der gelernt hatte, Gewicht zu tragen. Ihre Haare waren anders, nicht das blond des kaiserlichen Drachenblutes. Es gab einen rötlichen Farbton, der absolut unüblich für das Reich der Mitte war.

Für einen Herzschlag lang geschah nichts.

Dann bemerkte Geron etwas, das ihn mehr überzeugte als jedes Siegel: Er sah, wie Arane Sonnenglanz den Kopf leicht neigte - nicht in Begrüßung, sondern in Prüfung. Und er sah, wie sich in ihrem Blick etwas löste. Nicht Gewissheit. Aber Hoffnung.

Johann von Blum stand bereits im Saal. Er war nicht im Mittelpunkt oder herausgehoben. Er hatte sich vermutlich strategisch bewusst etwas zurückgenommen, neben Sirea von Antares, die heute ebenfalls offiziell an seiner Seite anwesend war. Geron musterte sie ebenfalls. Jung. Wach. Lauernd. Voller Widersprüche. Sie hielt sich gerade genug, um nicht zu verschwinden, und zurückhaltend genug, um nicht herauszufordern.

Ein kluger Schachzug, dachte er unwillkürlich.
Oder ein gefährlicher.

Krius räusperte sich. Es war kein lautes Geräusch, doch es reichte aus, um den Saal zu sammeln.

„Hochgeehrte Mitglieder des Rates“, begann er, und seine Stimme trug ungewohnt viel Tiefe. „Wir sind heute zusammengekommen unter Umständen, die vor wenigen Wochen noch niemand für möglich gehalten hätte. Der Kaiser lebt, doch ist er geschwächt. Der Prinz ist am Leben, doch seiner Zukunft beraubt, solange die Kirche um seine Genesung ringt.“

Er machte eine kurze Pause - gerade lang genug, um den Blick der Anwesenden auf Delila zu lenken.

„Und dennoch“, fuhr Krius fort, „steht heute ein Mitglied des kaiserlichen Hauses wieder unter uns. Eine Tochter des Kaisers, die weder gefallen ist, noch war sie geflohen und schon gar nicht wurde sie von uns vergessen - sie war verborgen und sie wurde geschützt.“

Geron spürte es deutlich:
Erleichterung.

Es war ein kollektives Aufatmen. Das Reich hatte wieder eine Linie. Einen Anker. Eine Möglichkeit.

Er selbst war vorsichtig. Zu viel war geschehen. Zu viele Masken waren gefallen, um nun blind zu vertrauen. Und doch - diese Delila stand anders da als jene, die man verloren glaubte. Kein süßer Blick, kein höfisches Lächeln. Nur ein ruhiger Ernst.

Arane Sonnenglanz verschränkte nun langsam die Finger. Sie hörte jedes Wort, das Krius sprach, als würde sie es abwägen wie eine Münze, die man auf Echtheit prüft.

„Bevor wir zu Fragen und Prüfungen schreiten“, sagte Krius weiter, „halte ich es für angemessen, dass jener, der diese Rückkehr möglich gemacht hat, selbst das Wort ergreift.“

Er wandte sich Johann zu.

„Johann von Blum“, sprach er ruhig, „die Klinge des Kaisers ist heute mehr als ein Titel. Ich bitte Euch, dem Rat darzulegen, wie es zu diesen Ereignissen kam.“

Geron lehnte sich minimal zurück.

Jetzt also.

Er sah, wie Johann einen Atemzug nahm. Nur ein Mann, der wusste, dass jedes Wort, das nun folgte, das Reich weitertragen - oder erneut ins Wanken bringen konnte.

Der Saal wurde still.
Johann Blum


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Johann von Blum trat einen halben Schritt vor. Er hielt sich aufrecht, ohne angespannte Steifheit - unmilitärisch. Seine Stimme war ruhig, fest und nüchtern.

Er begann damit, von den ersten Auffälligkeiten zu berichten, die ihm am Kaiserpalast begegnet waren. Als Beobachter. Er sprach von einem Phänomen, wie er es nannte: von der ungewöhnlichen Nähe zwischen dem Prinzen und Delila – Inzest. Zu jener Zeit, so führte Johann aus, sei ihm nicht bewusst gewesen, dass Delila nicht die wahre Tochter des Kaisers war. Auf das Ersuchen Lydias von Okram, der Verlobten des Prinzen, habe er sich entschlossen, der Sache mit Bedacht nachzugehen. Zunächst durch stilles Beobachten. Er habe Wege und Zeiten verglichen, Diener kommen und gehen sehen, Gewohnheiten notiert... und wurde außerhalb der Stadt des Glanzes auf Reisen vom roten Konvent aufgegriffen, sie versuchten ihn in Form von Lydia von Okram mit einer Erhebung in den Hochadel zu bestechen und - als das nicht klappte - bedrohte man ihn. Den schlussendlichen Schlüssel lieferte Sirea von Antares, deren wachsame Aufmerksamkeit von nicht geringem Wert gewesen sei. Ihr sei eine Dienerin aufgefallen, die innerhalb kurzer Zeit mehrfach den Palast verlassen habe, ohne dazwischen zurückzukehren. Eine Unregelmäßigkeit und Sirea beharrte darauf, dass dies kein Irrtum war. Diese Spur habe ihn schließlich unter die Stadt geführt, an einen verborgenen Ort fern der Augen des Hofes. Dort, so schilderte Johann, habe sich ein Nest des roten Konvents befunden, verborgen wie ein Geschwür im Fundament der Stadt. Erst an diesem Punkt habe sich der Verdacht zur Gewissheit verdichtet, dass die Delila des Hofes nicht jene war, für die man sie hielt.

Johann berichtete weiter, wie er daraufhin kampferprobten Vertrauten und Mitstreitern diese Information zuspielte. Unter anderem Godric, einem Druiden von dem er wusste, dass jener bereits den roten Konvent bekämpft hatte. Das Versteck des Konvents wurde ausgehoben und zerschlagen.

Dort sei die Wahrheit offenbar geworden.

Die Frau, die man am Hofe für Delila gehalten habe, sei eine Verwandlerin gewesen. Die wahre Delila, Tochter des Kaisers, habe man gefangen gehalten und der Welt entzogen. Johann legte dar, dass es gelungen sei, sie zu befreien und aus der unmittelbaren Nähe des Palastes fortzubringen. Er habe sich bewusst dagegen entschieden, sie sogleich an den Hof zurückzuführen - mehr noch, er wusste nicht, was am Palast vor sich ging und er sorgte dafür, dass er selbst nichts über den Verbleib der Tochter des Kaisers wusste. Zu groß sei die Unsicherheit gewesen, zu undurchdringlich die Lage, um eine so gewichtige Wahrheit unbedacht unter Druck von Magie oder sonstigen unbekannten Mächten preiszugeben. Stattdessen habe er sie an einen sicheren Ort bringen lassen, um Zeit zu gewinnen – Zeit zur Prüfung, zur Abwägung und zur Vorbereitung dessen, was unausweichlich folgen musste. Johann schloss seine Darstellung ohne schmückende Worte. Er betonte, dass sein Ziel immer der Kampf gegen den roten Konvent war, wie Urias von Dengra es ihm einst anvertraut hatte.

Mit diesen Worten verstummte er.
Sir Said

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Geron von Tess hatte den Blick bereits auf Johann gerichtet, als sich die Tür zum Ratssaal ein weiteres Mal öffnete.

Meron von Antares trat ein, ohne Eile, ohne Ankündigung. Kein Wort wurde gesprochen, kein Gruß ausgetauscht. Er setzte sich auf seinen Platz, als habe er ihn nie verlassen, und doch war in seiner Haltung etwas Verschobenes, Unruhiges. Geron sah es sofort. Die Schultern waren angespannt, die Hände ruhten zu fest auf der Armlehne, als müssten sie etwas niederhalten.

Johann bemerkte ihn nicht.

Oder, so dachte Geron, er tat zumindest nicht so.

Johann sprach weiter, ruhig, beinahe nüchtern, und trug seine Darstellung vor, als sei sie eine Abfolge von Tatsachen, nicht von Entscheidungen. Keine Rechtfertigung, keine Anklage. Nur Beobachtung, Schlussfolgerung, Handlung. Geron kannte diesen Tonfall. Ein Kämpfer, der es gewohnt war, nach dem Kampf Bericht zu erstatten, nicht nach einer Intrige.

Während Johann von dem Phänomen sprach – dem Inzest, wie er es offen nannte –, wanderte Gerons Blick kurz zu Arane Sonnenglanz. Die Priesterin verzog keine Miene, doch ihre Aufmerksamkeit war vollkommen. Sie hörte nicht nur zu, sie prüfte. Worte, Pausen, das Ungesagte. Aber Geron war auch sofort klar: Für Arane war das nicht neu. Johann und sie hatten sich bereits vor dieser Sitzung ausgetauscht. Vermutlich mehrfach.

Meron hingegen kochte.

Geron sah es an der Art, wie dessen Blick sich verengte, sobald Johann den roten Konvent erwähnte. Aus Ärger. Ärger darüber, dass diese Geschichte nicht von ihm kontrolliert wurde. Ärger darüber, dass Johann sprach – und der Rat zuhörte.

Als Johann den Moment schilderte, in dem Sirea von Antares den entscheidenden Hinweis geliefert hatte, wandte sich Gerons Blick unwillkürlich der jungen Frau zu.

Sie saß aufrecht, die Hände gefaltet, den Blick auf Johann gerichtet. Keine demonstrative Zustimmung, kein Lächeln. Nur Konzentration. Sie wusste, was auf dem Spiel stand. Und sie wusste offenbar, wann es besser war, nichts zu zeigen.

Sie hat mehr verstanden, als ihr Vater ihr je zugestanden hätte, dachte Geron.

Als Johann von dem Nest unter der Stadt sprach, von der Befreiung der echten Delila, da begann sich in Geron etwas zu formen, das er nur ungern zuließ: Respekt. Nicht für den Mut – der war leicht zu haben –, sondern für die Zurückhaltung danach. Für das Verbergen, das Zögern, das Abwarten.

Ein ungeduldiger Mann hätte die Tochter des Kaisers triumphierend vor den Rat gezerrt.

Johann hatte sie verborgen.

Zu Recht, dachte Geron. Oder zu klug. Oder aus einem ähnlichen Fanatismus auf der Jagd gegen den roten Konvent, wie man ihn Urias von Dengra nachsagte.

Er bemerkte, dass Meron bei diesen Worten nicht mehr stillsaß. Ein kaum wahrnehmbares Zucken ging durch dessen Kiefer, als Johann erklärte, bewusst nichts über den Aufenthaltsort der Delila wissen zu wollen. Das war kein Ärger mehr. Das war Furcht. Oder zumindest die Erkenntnis, dass hier etwas geschehen war, das sich seiner Reichweite entzog.

Johann endete ohne Nachdruck. Er schwieg - und der Saal schwieg mit ihm.

Für einen Moment schien es, als sei der Rat tatsächlich geeint in diesem Schweigen.

Dann öffnete sich erneut die Tür.

Ein Priester trat ein, das Gewand der Kirche Avias noch vom Gehen bewegt. Er verbeugte sich kurz, formell, und sprach mit gedämpfter, aber eindringlicher Stimme:

„Eminenz Sonnenglanz. Der Kaiser wünscht, die hochedelste Tochter Delila unverzüglich zu sehen.“

Ein kaum hörbares Einziehen von Atem ging durch den Raum.

Geron sah, wie Arane Sonnenglanz langsam aufstand. Kein Zögern, kein Widerspruch. Nur ein kurzes Nicken.

„Ich werde sie begleiten“, sagte sie ruhig. Eine nachdrückliche Feststellung.

Meron senkte den Blick. Für einen Herzschlag nur. Doch Geron entging es nicht.

Hortas von Okram erhob sich nun ebenfalls. Seine Stimme war fest, getragen von Autorität.

„Die Sitzung des Rates wird hiermit vertagt. Wir setzen sie morgen bei Sonnenaufgang fort.“

Kein Einspruch erhob sich.

Während sich der Saal langsam leerte, blieb Geron einen Augenblick sitzen. Er sah Johann an, dann Sirea, dann den leeren Platz neben Meron.

Das Reich atmet auf, dachte er.
Aber seine Prognose für die morgige Zukunft war, dass ein Kampf mit Worten bevorstand.
Lady Lidaelle

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Sirea von Antares wartete vor dem Sitzungssaal des Rates, so wie es viele Töchter taten, wenn sie etwas von ihren Vätern begehrten. Sie stand leicht seitlich zur Tür, das Gewicht locker auf einem Fuß, die Hände vor sich gefaltet. Ihr Lächeln war warm, beinahe verspielt – jenes liebliche, selbstverständliche Lächeln einer jungen Frau, die es gewohnt war, gehört zu werden, wenn sie nur lange genug wartete. Als Meron von Antares schließlich erschien, veränderte sie ihre Haltung kaum. Sie trat ihm entgegen, senkte respektvoll den Blick und begann sofort zu sprechen. Ihre Stimme war leise, unaufdringlich, genau laut genug, um gehört zu werden. Sie sprach von einem Kleid, das sie für angemessen hielt, prunkvoll, dem Hause Antares gerade angemessen, von Schmuck, den man nun an ihr erwartete, da sie häufiger am Palast gesehen werde, von Ausgaben, die unvermeidlich seien, wenn man den Namen Antares trug. Worte, mit denen Meron gerechnet hatte. Bitten, die er kannte. Dabei trat sie näher und nahm seine Hand, wie es eine Tochter tat, die Nähe suchte, um ihre Bitte zu unterstreichen. Ihr Daumen strich kurz über seinen Handrücken. Eine beiläufige Geste. Zärtlich. Unverdächtig. In diesem Augenblick glitt ein schmal gefalteter Zettel in seine Handfläche. Sirea hielt den Blick gesenkt, sprach weiter über Stoffe und Farben, über das, was man nun von ihr erwarten würde. Für Außenstehende war es ein vertrautes, fast banales Bild. Ein Vater, eine Tochter, ein leiser Moment vor der Politik.
Meron spürte das Papier. Die Worte darauf waren knapp. Präzise. Und ohne jedes Erbarmen formuliert.

Aelia besitzt Beweise, dass Delorn in das Erscheinen der Eisuntoten verwickelt war, die den Prinzen verwundet haben. Es ist unerheblich, ob Ihr davon wusstet. Als Familienoberhaupt tragt Ihr die Pflicht, die Kaiserfamilie zu schützen. Delorns Taten sind Eure Taten.
Wenn Ihr nicht als Verräter der Krone ausgeliefert werden wollt, schweigt, erhebt kein Wort gegen Johann von Blum.


Sirea ließ seine Hand los, trat einen halben Schritt zurück und sah ihn nun offen an. Ihr Lächeln blieb weich, beinahe dankbar. „Ich wusste, dass Ihr versteht, Vater“, sagte sie leise. Dann verbeugte sie sich leicht, so wie es sich gehörte und ging.Meron von Antares blieb zurück.


Sir Said

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Geron von Tess war früh im Palast. Nicht, weil er ungeduldig war, sondern weil er wusste, dass sich manche Entscheidungen nicht im Ratssaal, sondern auf den Wegen dorthin vorbereiteten.

Er stand nahe einer der steinernen Säulen im Vorgarten, halb im Schatten, halb im Blickfeld, und tat, was er seit Jahrzehnten tat: beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Etwas abseits und wartend stand Sirea von Antares bereits, sie blickte gezielt in eine Richtung.

In seine Richtung. Meron von Antares erschien ohne Gefolge, ohne Eile. Sein Schritt war ruhig, gleichmäßig, wie der eines Mannes, der wusste, dass man ihm Platz machen würde, ohne dass er darum bitten musste. An seine Seite ging Sirea, sie hatte ihren Vater wohl vor dem Ratssaal erwartet.

Sie sprach leise, und Geron verstand die Worte nicht. Doch er sah die Haltung: Nicht unterwürfig, durchaus respektvoll, aber dieses verspielte Lächeln...
Meron antwortete knapp. Seine Stimme blieb niedrig. Ein Befehl war es nicht. Eher eine Feststellung. Sirea nickte, trat von ihrem Vater zurück und sprach wohl ihren Abschied aus, denn sie ging dann. Meron blieb zurück, der blickte auf seine Hand. Die Miene von Meron von Antares in diesem Moment hierließ bei Geron ein sehr ungutes Gefühl: Er erkannte eine leichte Färbung der Haut, eine Rötung. Falten entstanden, Anspannung wurde sichtbar. Doch dann ging Meron.

Geron zog die Brauen minimal zusammen.

So beginnt es also, dachte er. Leise und davor. Hier.

Im Ratssaal nahm jeder seinen Platz ein. Johann von Blum stand bereits, nicht im Mittelpunkt, sondern dort, wo man ihn inzwischen erwartete. Neben ihm Sirea, nun wieder förmlich, die Hände gefaltet, der Blick ruhig.

Meron setzte sich, legte die Hände auf die Armlehnen, und blickte geradeaus. Kein Wort, kein Blick zu Johann. Geron setzte sich und wartete. Er wartete auf den Angriff. Er kannte Meron von Antares zu gut, um nicht zu wissen, dass dieser Mann nicht zusah, wie ein anderer Macht gewann, ohne zumindest zu versuchen, sie ihm streitig zu machen. Und heute bot sich Gelegenheit genug: Johann, die Klinge des Kaisers, Delila, die Rückkehrerin, die Kirche, die noch keine Prüfung vorgenommen hatte. Als Arane Sonnenglanz aufstand, wurde es still.

„Der Kaiser hat seine Tochter gesehen“, sprach sie ruhig. „Die Kirche Avias hat geprüft, was zu prüfen war. Delila ist zweifelsfrei von kaiserlichem Blut.“

Ein leises Murmeln ging durch den Saal. Fakten von der Kirche, die keinen Widerspruch und keinen Zweifel erlaubten. Geron nahm Erleichterung wahr. Er spürte sie selbst – nicht als Freude, sondern als ein Nachlassen der Spannung, wie wenn ein Schwert endlich gesenkt wird. Er sah Delila an. Sie stand ruhig, den Blick gesenkt, kein Schmuck, keine Insignien. Sie wirkte nicht wie eine, die eben zur Hoffnung eines Reiches erklärt worden war. Eher wie eine, die wusste, dass Hoffnung eine Last war und ein wenig hatte Geron bei ihrem Anblick das Gefühl, als hätte sie etwas von der Rauhheit des Nordens ins Reich mitgebracht. Drachenblut, dachte Geron zudem. Ein Wort, das man gern benutzte, wenn man etwas nicht erklären konnte. Er glaubte nicht an Mythen, aber er glaubte an Wirkung. Und diese Worte wirkten.

Meron rührte sich nicht. Jetzt, dachte Geron. Doch der Angriff kam nicht. Hortas von Okram erhob sich. Seine Stimme war ruhig, getragen, von jener Art, die Recht nicht als Drohung, sondern als Schutz verstand.
„Die Frage der Legitimität ist geklärt“, sagte er. „Was bleibt, ist die Frage der Verantwortung. Der Kaiser ist nicht handlungsfähig. Der Prinz steht unter Obhut der Kirche. In einer solchen Lage schuldet das Reich seiner Tochter Schutz – und Ordnung.“ Er wandte sich Delila zu. „Solange Euer Vater und Euer Bruder Euch nicht zur Seite stehen können, steht Euch mein Haus offen. Natürlich als freundschaftliches Angebot, nicht als Obligation. Ihr müsst nicht allein sein.“

Delila neigte den Kopf. Kein Wort. Kein Zögern. Geron sah, wie Merons Blick kurz zu ihr wanderte – und dann zu Sirea. Sirea saß still. Doch sie wich diesem Blick nicht aus. Meron sprach schließlich. Nur ein Satz.
„Es erleichtert mich“, sagte er, „dass diese Frage geklärt ist.“

Nicht mehr. Geron spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Das ist kein Nachgeben, dachte er. Das ist ein Rückzug. Sein Blick glitt erneut zu Sirea. Sie zeigte nichts. Keine Genugtuung, keine Anspannung. Sie wirkte, als hätte sie diesen Moment erwartet. Als Geron selbst sprach, tat er es mit Bedacht.
„Herkunft und Schutz sind notwendige Schritte“, sagte er. „Doch sie tragen kein Reich allein. Wir müssen festlegen, wer handelt, wer schützt, wer spricht. Nicht um Macht zu bündeln, sondern um sie nachvollziehbar zu machen.“

Er sah Johann an, dann Delila. „Unklarheit ist ein Nährboden. Das Reich hat davon genug gesehen.“

Akaron folgte ihm, kühl, präzise, wie zu erwarten. Er sprach von Einbindung, von Definition, von Stabilität. Geron hörte zu – und dachte an etwas anderes. An den Moment im Vorgarten. An die Mimik. An das Schweigen Merons.

Als Hortas fragte, ob noch jemand etwas hinzuzufügen habe, blieb Krius still und enthielt sich. Geron sah noch einmal zu Meron und Sirea. Wenn Meron schweigt, dachte er, dann hat jemand gewonnen. Und ich bin mir nicht sicher, ob es Johann war. Er fragte sich, ob die anderen verstanden hatten, was er verstanden hatte. Ob Arane Sonnenglanz in Merons Schweigen mehr erkannt hatte als bloße Zurückhaltung - ob sie die Spannung gespürt hatte, die nicht aus Zweifel, sondern aus gezügeltem Zorn geboren war. Ob Akaron Gwellsing das Fehlen des Angriffs bereits als Datenpunkt verbucht hatte, als Anomalie in einem sonst so berechenbaren Muster. Und ob Hortas von Okram, bei aller wohlmeinenden Ordnungsliebe, verstanden hatte, dass Recht allein nicht erklärt, warum ein Mann wie Meron von Antares heute den Mund hielt.
Vielleicht hatten sie es gesehen. Vielleicht auch nicht.
Geron wusste nur eines: Männer wie Meron schwiegen nicht, wenn sie nichts zu verlieren hatten. Sie schwiegen, wenn der nächste Zug bereits getan war - nur eben nicht auf diesem Brett.

Er strich sich über den Bart. Wenn ich es bemerkt habe, dachte er, dann werden es andere auch tun. Und wenn nicht heute, dann bald. Das Reich, so schien es ihm, hatte eine Erbin zurückgewonnen. Doch es hatte auch begonnen, anders zu funktionieren. Und Geron war sich nicht sicher, ob es bereits wusste, wessen Hand nun den Takt vorgab.

Johann hatte jetzt die Wahl noch einmal das Wort zu ergreifen oder zu schweigen. Danach würde der Rat sich wohl für heute auflösen.
Johann Blum


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Johann von Blum hatte bis dahin geschwiegen. Er hatte den Blick nicht gesenkt, aber auch keinen gesucht. Er hatte Meron von Antares nicht angesehen – er fühlte sich nicht erfahren genug für soetwas. Besser ruhig bleiben. Das Ausbleiben des Angriffs war ihm nicht entgangen. Er trat dann einen Schritt vor. Nicht weit. Gerade so viel, dass deutlich wurde, dass er sprechen wollte.

„Ich werde mich kurz halten“, sagte er. Seine Stimme war ruhig, beinahe trocken.
„Eminenz Sonnenglanz hat gesprochen. Hortas von Okram hat gesprochen. Und Geron von Tess hat etwas gesagt, das mir wichtig ist.“ Er wandte den Kopf leicht in Gerons Richtung und nickte in seine Richtung.
„Unklarheit ist ein Nährboden. Dem stimme ich zu. Ich bin kein Freund davon, Dinge offen zu lassen, nur weil sie unbequem sind.“

Dann sah er zu Delila. Nur einen Moment.
„Was heute geklärt wurde, ist kein Sieg. Es ist Ordnung. Und Ordnung ist nichts, worauf man sich ausruhen kann.“

Er atmete einmal hörbar aus, als würde er die nächsten Worte ordnen. Diese Pausen waren jeweils seine Strategie für solche Momente. Er wusste, er war nicht eloquent im Vergleich, aber Pausen ermöglichten kurz Gedanken zu sortieren.
„Ich habe nicht vor, für das Reich zu sprechen. Ich habe auch nicht vor, für den Rat zu sprechen. Meine Aufgabe war und ist, zu handeln, wenn andere es nicht können - oder nicht dürfen.“

Ein kurzer Blick ging durch den Saal. Meron blieb unbewegt. Johann nahm es wahr - und ging darüber hinweg.
„Wenn nun festgelegt wird, wer schützt, wer spricht und wer handelt, dann ist das gut. Dann weiß jeder, woran er ist. Auch ich.“

Er legte eine Hand auf das Pult.
„Mehr habe ich nicht hinzuzufügen.“

Einen Augenblick schwieg er noch, als überlegte er, ob er etwas vergessen habe. Dann schüttelte er kaum merklich den Kopf.
„Ich werde tun, was mir aufgetragen ist. Und ich werde es tun, solange es dem Reich dient.“

Er trat zurück. Kein Blick mehr zu Meron. Kein Blick zu Sirea. Keine Geste, die etwas einforderte. Der Rat hatte nun die Wahl, sich aufzulösen oder weiterzureden.
Johann von Blum hatte gesagt, was für ihn gesagt werden musste.
 
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