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"Sei gegrüßt mein Lieber Godric,
Ick hat wohl ne Todesfee in meiner Brust. Nen Heiler ausem Süden is hier, weiss net wann er wieder jeht. Is nen recht lustiger. Bitte geb mir mal nen Zustandsbericht von Eirikur. Inzwischen is dat wieder allet an wat ick denken kann. Schöner wärs, wenn ick euch beide sehn könnt.
Ick denk an dich,
Lykke Ratatoskr"
Wurde als Nachricht in den Hain geschickt, aber sie selbst lief am Morgen ein Stück durchs Dorf, wich den Gesprächen mit einem freundlichen Lächeln aus und lief in den verschneiten Wald. "Ne der nicht..." sagte sie, als sie einen Baum berührte. Nach dem dritten nickte sie und flüsterte dem Baum ihre Nachricht zu. Jedoch fügte sie ein "Ick vermiss dich." hinzu. Anschließend ging sie wieder zurück.
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"Hey Aelia,
Ik hab mich zurück aufen Weg ins Wolfsdorf jemacht. Es macht kein Unterschied mehr, ob ik hier bin oder dort. Für mich jedenfalls, doch für dich un Vater werd ik dort nachem Rechten sehn. Die Leere füllen. Ruf nach mir, wenn de wen zum reden brauchst.
Lykke"
Die Nachricht wird Aelia im Langhaus überreicht, wenn sie dort das nächste Mal auftaucht.
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Es war eine weite schneebedeckte Wildnis im Norden. Eine große, raue Höhle bot Schutz vor dem frostigen Wind, am Feuer knisterte Holz, und die Bewohner wärmten sich, während draußen der Schnee den Boden bedeckte. Hunger, Knappheit und eine Art von Krieg herrschten in jeder Ecke des Lebens und doch hielten sie zusammen.
Lykke lauschte den aufgewühlten Gesprächen um das Feuer, sie waren hitzig und oft ziellos.
„Meine Familie leidet Hunger!“
„Yo, wir auch!“
Die Menge stimmte ein. Jemand behauptete scharf: „Aelia interessiert sich kein bisschen für uns!“ Lykke rutschte auf ihrem Platz hin und her, unruhig, bis eine Stimme der Menge abermals über Aelia und ihren Vater herzog.
Lykke atmete durch und sprach mit ruhiger, klarer Stimme: „Aelia spricht fürn Eirikur. Sie zu hinterfragen bedeutet, ihn zu hinterfragen. Ich steh hinter sein Entscheidungen. Ich werde euch bei euren Problemen in deeren Namen helfen.“ Sie erklärte den Anwesenden, wie man Brot herstellt, das mehr Nährstoffe enthält und mit weniger Mehl auskommt, gab Rezepte für gestreckte Suppen und andere Gerichte weiter. Sie teilte Wissen über Heilpflanzen, essbare Pilze und Waldfrüchte. Einige Bewohner brachten im Gespräch eigene Ideen ein und teilten ihr Wissen solange, bis sich viele verabschiedeten und nur noch wenige am Feuer waren.
Für Lykke war dies ein Erfolg, doch neue Gespräche des Unmuts begannen. „Eirikur wird net zurückkomm un Aelia hat dieses Pack von Eisläufern och net zurückgedrängt. Sie verhandelt mit den, ne?“ „Also ik will diese Verbrecher nich in der Nähe haben.“
Jemand den Lykke nicht kannte drehte sich zu ihr um: „Wer bist du eigentlich?“ „Lykke.“ „Das sagt wenig.“ Ein anderer aber verzog die Miene, als hätte er eine Ahnung. „Lykke Ratatoskr. Oberste Heilerin inner Burg unsrem Anführer direkt unterjehstellt.“ Die Anwesenden sahen sich an, als hätten sie nun Verstanden.
„Die einzije Überlebende neben unsrem Eirikur.“ Mischte sich ein anderer ein. Lykke schluckte.
„Kann man ihn als lebend zählen? Ich hab gehört, wie er abtransportiert wurde von Godric. Klang, als sei er tot.“
„Er lebt!“ platzte es aus ihr heraus. Alle drehten sich schlagartig zu ihr um.
„Äh …“ Sie sammelte Mut und erzählte, wie sie und Eirikur aus der Burg entkamen. „… un fiel mir Blut überströmt in meen Arme. Er war kalt un Eiskristalle in der Wunde …“ Über Adelis wollte sie nicht zu viel sagen, doch ihre Atmung wurde schneller, nur an dieses Wesen zu denken lies sie die Kälte und die Angst von jenem Tag erneut am ganzen Körper spüren.
„… Die Rune in sein Hand brachte Vater un mich innen Ratskeller.“ Da war das Wort. Unbemerkt hatte sie es gesagt, tonlos, wie immer bedacht.
Die Reaktionen folgten verzögert. „Du bist seine Tochter?!“ Kälte zog durch den Raum. Hier im Bärendorf suchte sie Ruhe. Sie hoffte hier Godric schneller zu treffen. Doch in diesem Moment brach all die Hoffnungen auf Ruhe.
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Lykke wandert über Eis und Schnee. Es knirscht und knackst. In einiger Entfernung hörte man Rufe und Schreie. Kein Kampf eher Klagen und Jammern. Auf den Weg dorthin rutschte sie mehrfach aus. Die einstige Straße gab es nicht mehr, doch der Weg ist nach wie vor attraktiv im Angesicht der Beute die einen erwarten kann. "Helft uns!" Lykke rutschte ein Stück eine Schräge runter, um zu dem Plateau zu gelangen wo die beiden Männer waren. Einer lag mit einer dürftig verbundenen Wunde, die trotzdem noch blutete. Der andere drückte drauf um die Blutung zu minimieren. Sie nickte, beurteilte in zwei Blicken was zu tun war. Ihre Handgriffe waren geübt und so die Blutung schnell gestillt. Lykke wollte dafür nichts, half ihm auf und begleitete die beiden Männer wieder zurück ins Dorf.
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Das Feuer in der Höhle knackte, langsam und gleichmäßig. Draußen fiel der Schnee wie Staub vom Himmel, lautlos, alles dämpfend.
Ein paar Wachen ruhten. Die meisten hatten sich nun zurückgezogen. Nur zwei jüngere Kriegerinnen sprachen leise am Rand. Und Lykke saß in der Nähe des Feuers, den Blick auf das Spiel der Flammen gerichtet, als wäre etwas dort, das sie lange nicht gesehen hatte.
Dann, leise, fast beiläufig, sagte sie unter der Wolfsmaske:
„Ik kenn dat andere Seite der Geschichte.“
Einer der Männer hob den Kopf. „Welche?“
„Von Harek.Vom Sturm.“
Sie wartete einen Moment, dann fuhr sie fort, die Stimme ruhig, aber wach – wie jemand, der ein altes Lied nicht singen, sondern erinnern will.
„Dat is so wie se sagen: Dat Blitz kam. Un er stand. Aber Eirikur erzählte mir einst, als ik noch ein Mädel war, dat Harek nicht allein war, als er auf dat Grat stieg.“
„Da war jemand vor ihm. Ein Mann namens Tharun – vielleicht ein Name, vielleicht nu ein Platzhalter. Er führte eine Splittergruppe von dat Eisläufer. Stolz. Stark. Ein Berserker, Versteher von dat Wind und Gestein.“
Sie sah in die Flammen, die sich an einem harzigen Holzstück sammelten.
„Niemand wees, wat dort geschah. Nur dat Harek allein zurückkam. Kein Blut an ihm. Kein Schrei. Nur Stille. Und dann kam dat Blitz – direkt neben ihn. Nah jenug, dat de Boden schwarz wurde. Aber jo er blieb. Wie verankert.“
Jemand flüsterte: „Der Sturm hat ihn verschont.“
Lykke nickte – und widersprach gleichzeitig.
„Oder dat Sturm hat erkannt, was da stand – und hat sich entschieden, nicht zu stören. Meen Vater sagte damals: ‚Manche Männer bringt dat Schicksal, andere nehmen ihm dat Zügel ause Hand. Und wenn du dat tust, Lykke, dann sieh zu, dat du weest, wer du am Ende bist. Denn dat Blitz fragt nich, auf wen er fällt. Nur, ob du zuckst.‘“
Sie schwieg einen Moment. Der Wind draußen fing an zu pfeifen – nicht laut, aber schneidend.
„Harek kam zurück. Un niemand fragte nach Tharun. Niemand wagte.“
Sie sah auf und nahm die Maske ab. Ihr Blick war nicht finster. Aber alt. Älter, als jemand in ihrem Alter schauen sollte.
„Vielleicht ist er dat Sturm selbst. Vielleicht dat, wat nach nem Sturm übrigbleibt.“
Dann sagte sie nichts mehr.
Und das Feuer brannte weiter, still, wie etwas, das zuhört.
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Einige Tage verstrichen und Lykke, die wieder geplagt von Albträume kaum schlafen konnte und unaussprechliche Gedanken hatte, lief durch das Dorf von früh bis ganz spät versuchte die Bürger zu beruhigen. "Erikur wird zurück kommen. Godric wird dat packen." Fragen zu sich selbst umging sie. Gerüchten widersprach sie vehement. "Wenn de allet schwarz sehn willst tu dat, doch bringt dich dat net weiter. Kümmer dich mal drum dat dein Laden läuft und deine Kinder wat zu essen haben." Sie wurde teilweise regelrecht belagert, als rauskam wer sie ist. Dieser Umstand trieb sie in noch größere Unruhe und sie machte sich auf um mit Aelia zu sprechen.
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Es schien ein wenig so als konnte Godric in die ganze Situation ein wenig mehr Frieden bringen. Die Nächte blieben kurz auch wenn es sowohl Lykke als auch Eirikur etwas besser ging. Über ihnen Schwebte nachwievor der Tod bereit jenen mitzunehmen der ihn begrüßt wie einen alten Freund.
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Der Wind rüttelte an den schweren Holzbalken über dem Ratskeller, als wolle er selbst Einlass erzwingen. Draußen peitschte der Regen, doch in den dicken Mauern des alten Versammlungsraums flackerte nur träge das Feuer in der eisernen Schale. Der Tisch in der Mitte – grob gezimmert, die Oberfläche von Jahren des Streits und der Planung zerkratzt – war leer, bis auf Lykkes Hände, die darauf ruhten.
Ihre Fingergelenke waren noch immer blutverkrustet. Nicht alles davon war ihres. Der Weg aus der Hochlandburg war kurz gewesen – aber zu lang für manche, die zurückblieben.
Ein dumpfer Husten drang aus dem Nebenraum. Eirikur. Kein Aufschrei, aber auch kein Laut der Besserung. Lykke richtete sich auf. Ihre Augen lagen tief im Schatten ihrer Wangenknochen, doch ihre Stimme war klar, als sie sich an den Krieger wandte, der mit einer Fellschulter an der Tür stand.
„Brynjar. Du nimmst dat Nordross un ritt zu da Eiszapfenhalbinsel.“
Er nickte sofort, wartete auf mehr.
„Du wirst Aelia von dat Bärenclan finnen. Sag ihr, dat ik sie hier brauche. Nicht irgendwann. Jetzt. De Norden hat keen Schild mehr.“
Brynjar zog kurz die Brauen zusammen. „Und wenn sie fragt, wer ruft?“
Lykke trat näher, bis der Schatten des Feuers über ihr Gesicht tanzte. „Sag ihr, dat Lykke ruft. Tochter des Blutes, Zeugin des Falls der Hochlandburg.“ Eine Pause. Dann fügte sie mit leiser, fester Stimme hinzu: „Un dat ik ihr was anbieten kann – wenn sie bereit ist.“
Brynjar musterte sie. Für einen Moment war nur das Knacken des Holzes zu hören. „Und wenn sie es nicht ist?“
„Dann stirbt dat Volk de Unerschrockenen zwischen twee Wintern. Un keener wird mehr unseren Namen in de Wind schreien.“ Brynjar verneigte sich knapp, warf sich einen Mantel über und verschwand durch die schwere Tür hinaus in den Regen, der sich mittlerweile mit Schnee mischte.
Lykke blieb einen Moment stehen, blickte in die Flammen.
Dann drehte sie sich um – zurück zu Eirikur, zurück zur Schwärze, die sich zwischen Hoffnung und Untergang spannte.
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